Anerkennungspreis für Kirsten Tiedemann!

Einmal im Jahr vergibt die Wittheit zu Bremen als Dachverband gemeinsam mit elf assoziierten Vereinen den „Bremer Preis für Heimatforschung“, um herausragende Facharbeiten aus Natur-, Sozial- oder Kulturwissenschaft zur Erforschung des nordwestdeutschen Raumes zu würdigen. Berücksichtigt werden vor allem Laienforscher und Abschlussarbeiten von Hochschul- und Universitätsabsolventen, die in sich diesem Themengebiet verschrieben haben. Der Preis wird seit 1996 verliehen.

Am 23. April 2013, wurden zwei Hauptpreise vergeben. Darüber hinaus  erhielt  die Historikerin Kirsten Tiedemann einen Anerkennungspreis für ihre umfassende Studie über die Geschichte der „Kaisenhäuser“.

Prof. Dr. Hans Kloft,

Vizepräsident der Wittheit sprach die Laudatio:

 

Foto„Die gut dokumentierte Darstellung der Kaisenhäuser in Bremen ist mit Recht in den vergangenen Monaten von verschiedenen Seiten hoch gelobt worden. Sie versteht sich als eine sozial-historische Regionalstudie mit einem Blick „von unten“, lässt Bilder, Interviews der Betroffenen und einschlägige Zeitungsartikel sprechen, ohne bei dieser Dimension stehen zu bleiben. Die Verfasserin geht auf die Vorgeschichte der sogenannten „Parzellen-Kultur“ (1870 bis 1945) kurz ein, beleuchtet die Funktion der Kleingärtenunterkünfte in den letzten Kriegsjahren und der unmittelbaren Nachkriegszeit (1944 bis 1955), widmet sich ausführlich der Etablierung, welche die ursprünglich als Behelf gedachten Wohnungsmöglichkeiten erfahren hat und schließt mit einem „Finale in grün“, das sie nach dem Senatsbeschluss von 2000, welcher das illegale Wohnen beenden wollte, auf die Zeit 2000 bis 2002 datiert. Dass die Geschichte der für Bremen so typischen Wohnform damit noch kein Ende gefunden hat, zeigen die jüngsten Kontroversen um den gewaltsamen Abriss von Kaisen-Häusern, der in den Medien großen Widerhall fand. Die Verfasserin versäumt es nicht, auf sozial-historische Aspekte ihres Themas einzugehen, auf Kleinbürgertum, anarchische Gruppen und soziale Netzwerke, welche den Bewohnern ein spezifisches Heimatbewusstsein und zugleich ein hohes Maß an persönlicher Freiheit sicherte. Die Positiva der Arbeit fallen schon bei der ersten Begegnung ins Auge: Sie ist aufgrund der Bilder anschaulich und ist mit historischem Verständnis und gut lesbar geschrieben; sie ist zugleich professionell gemacht, indem sie die einschlägigen Quellen verarbeitet und ein umfangreiches Literaturverzeichnis beisteuert. Bei Frau Tiedemann: Die Verbindung von Empathie und Professionalität.“

 

„Kaisenhäuser“ nFotoannte man Notwohnstätten in den Bremer Parzellengebieten, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Die Arbeit ist als Band 16 in der Schriftenreihe des Bremer Zentrums für Baukultur (b.zb) erschienen.

Autorin: Kirsten Tiedemann: „Bremens Kaisenhäuser – Mehr als ein Dach über dem Kopf“
Verlag: Bremer Tageszeitungen AG
Gestaltung des Buches: Sebastian Knickmann

Band 16 der Schriftenreihe des Bremer Zentrums für Baukultur, ISBN 978-3-938795-39-2, Preis: 16,90 €.

Zum Inhalt des Buches:

Von der Notunterkunft auf der Parzelle zur Wohnkultur im Garten

Vom stadtnahen Haus im Grünen träumen viele. Einige Menschen haben sich diesen Traum in den bremischen Kleingartengebieten scheinbar verwirklicht – obwohl das Wohnen in Kleingärten verboten ist. Die Erinnerung an die Entstehungszusammenhänge dieser Parzellenwohnhäuser mit eigenwilliger Architektur verblasst zusehends, denn die Gebäude verschwinden mit dem Ableben ihrer Bauherren aus den Kleingartengebieten. Die Historikerin Kirsten Tiedemann hat sich diesem bisher ungeschriebenen Teil der Bremer Geschichte angenommen.

Entstanden ist eine Studie zur Geschichte der Stadt aus sozial-, bau- und planungsgeschichtlichen Perspektiven. Sie betrachtet ihren Gegenstand aber in erste Linie aus Sicht der Bewohner und erst in zweiter Linie aus Sicht der planenden Institutionen und politischen Entscheidungsträger. Entstehungszusammenhänge und Wandlungen werden über einen Zeitraum von 57 Jahren ausgelotet.

In den Parzellengebieten Bremens entwickelte sich seit 1944 eine eigenwillige Bau- und Wohnkultur, deren Ursprung heute kaum noch bekannt ist. In der Notsituation der Kriegs- und Nachkriegszeit, als 61 Prozent des Wohnraums der Stadt zerstört war, nahmen einige Menschen ihre Geschicke selbst in die Hand. Sie schufen sich in den Kleingartengebieten eine Wohnstätte – anfangs mit, später ohne Bauerlaubnis – und organisierten sich eine lebenswerte Umgebung. „Kaisenhäuser“ wurden diese Parzellenwohnhäuser genannt: eine Anspielung auf den früheren Bürgermeister Wilhelm Kaisen, der sich für ihre Bewohner eingesetzt hat. Eine zweite Wohnwelle in den Parzellengebieten, die in den 1970er Jahren einsetzte, wird in der Studie ebenfalls thematisiert.

Kirsten Tiedemann konnte neue Sachverhalte aufdecken, wie eine „stille“ Generalamnestie von 1955 für sogenannte „Schwarzbauer“ oder die Herkunft der Bezeichnung „Kaisenhäuser“. Letztere ist auf ein Versprechen Wilhelm Kaisens zurückführen. Erstmals beschreibt Tiedemann außerdem Erfolge und Scheitern des Lösungsmodells „Gartenheimgebiet“, mit dem man versucht hatte, einzelne bewohnte Parzellengebiete in reguläre Einfamilienhaus-Wohngebiete umzuwandeln.

Von der Tatkraft und Entschiedenheit der Bewohner, von ihrer Widersetzlichkeit und vom sich wandelnden politischen Umgang mit den von ihnen geschaffenen Fakten handelt das Buch.

Lesen Sie dazu auch:

Eva Determann:
"Bremens Kaisenhäuser - Mehr als ein Dach über dem Kopf", Rezension aus dem Bremischen Jahrbuch 2012 - hier.

Rudolph Bauer:
"Mehr als ein Dach über dem Kopf. Bremens Kaisenhäuser. Von der Notunterkunft auf der Parzelle zur Wohnkultur im Garten." Ein Rezension aus Sozial Extra, Zeitschrift für Soziale Arbeit, Ausgabe 9/10 2012 - hier.

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Kirsten Tiedemann M.A.,
Freie Historikerin, Autorin, Fachreferentin für Kulturmarketing, Vermittlung. Aktuell: Informelle Stadtgeschichte am Beispiel „Kaisenhäuser – Leben auf der Parzelle“; Industriekultur im Nordwesten (2010/11); MaX – Museums at Public Access and Participation (2010/11).

Bisher: Projektmanagement Kaisenhausmuseum Waller Feldmark (2007-2009), Breitenbachhof – Gröpelingen (2007), Hebammen in SBZ und DDR (2003), Hebammen im Nationalsozialismus (2000).